24.12. 02: Die Zeitungen melden, dass Joe Strummer, Sänger, Gitarrist und Kopf von „ The Clash“, vor
zwei Tagen an einem nicht entdeckten Herzfehler gestorben ist. Tot, gerade einmal fünfzig Jahre alt
geworden.
Mir scheint, Strummers Tod kam ebenso unerwartet wie die Entstehung der Punkmusik. Vom Rock ‘n
Roll zu sprechen, bedeutet vom Tod zu sprechen. Joe Strummer, Hausbesetzer, Kunststudent,
Musikant, später politisch ambitionierter Musiker und Texter, Schauspieler und Vater zweier Kinder, war
für mich eine Leitfigur. Kein ausgefeilter, kapriziöser Lyriker wie Dylan, kein mit Schweinigeleien
kokettierender, begnadeter Gainsbourg, auch kein surreal durchgedrehter Klabautermann wie Tom
Waits, eher ein mit Stimmkraft und Gitarre demonstrierender Bühnenarbeiter, nach dem Motto: Es kann
passieren, was will, ich bleibe auf der Bühne, schrubbe meine Gitarre und singe mit Zorn und Freude im
Namen der Gerechtigkeit das, was ich für politische Gassenhauer halte.
1952 geboren, erlebte er in seiner frühen Jugend den politischen Aufbruch um 1968. Was danach kam
war, mit Kraut- und Progressivrock sowie omnipotenten Gruppen à la Emerson, Lake & Palmer, Genesis
oder Led Zeppelin, musikalisch betrachtet eine öde Zeit. Für den Mittzwanziger begann mit der
Punkbewegung eine Zeit künstlerischer Tief- und Höhenflüge, die den Menschen Strummer tief geprägt
hat. Strummer hat folgerichtig, wie die Süddeutsche Zeitung trefflich schrieb, sich gern geprügelt, aber
noch mehr Prügel eingesteckt. Versucht man Strummers Stil zu bestimmen, so bleibt man in einem
engmaschigen, teils verwirrenden Netz unterschiedlichster Einflüsse hängen, dennoch: seine
fordernde, anklagende und prägnant verschwommene Stimme lässt sich aus jedem noch so
chaotischen Seemannchor heraushören.
Joe Strummer fühlte sich musikalisch betrachtet einer globalisierten Melange verpflichtet – er war
überzeugter Internationalist und erklärter Gegner des Thatcherismus. Engländer von Geburt, arbeitete
er als einer der ersten Weißen früh mit Reggae und Dub und verstand es diese Stile mit der Frische des
Punkrock zu koppeln. Ebenso fühlte er sich dem amerikanischen Country, dem Jazz oder dem
mexikanischen Mariachi verbunden. Nie vergaß er, dass Musik eine politische Funktion haben muss,
erhob deshalb in seinen Texten die Stimme – manchmal zu gekünstelt – für die britische, für die
Unterklasse insgesamt. Die leisen, hoffnungsfroh-verzweifelten Töne waren ihm nicht fremd.
Auf London Calling, Combat Rock oder Sandinista, dem Werk, welches Fans und Kritiker gleichermaßen
in zwei Lager spaltete, spielten die Clash in Hochform, unter Einsatz neuer, anderer, vom Punk verpönter
Musikstile: In „Street Parade“, einem der letzten (und vielleicht schönsten) Songs der sandinistischen
Revolution in Nicaragua verpflichteten sechsseitigen Mammut LP Sandinista, dichtete und sang
Strummer: „ It’s not too hard to cry/in these crying times/I’ll take my broken heart/ and take it home in
parts/but I will never fade/ or get lost in this daze/ though I will disappear and run/disappear and run/to
join the street parade”. Nun mag er glücklich mit gebrochenem Herzen in dieser Menschenmenge
verschwinden, denn darin wird er immer zu sehen sein. Goodbye Joe.
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