Ein Fest für Freiheit, Vielfalt und Akzeptanz — mitten im Herzen der Hauptstadt. Und plötzlich bricht rohe, radikale Intoleranz in einen Raum ein, der eigentlich ein geschützter Raum sein sollte. Der Angriff auf dem CSD in Berlin hat einmal mehr erschüttert, aber was fast noch frustrierender ist als die Tat selbst, ist das gewohnte Reflex-Schauspiel, das kurz darauf in den Medien und der Politik einsetzt.
Was passiert eigentlich, wenn auf einem Fest der Toleranz radikal intolerante Menschen eingreifen? Und warum helfen uns die gängigen politischen Rezepte überhaupt nicht mehr weiter?
Die Parolen-Falle: Rechts und Links greifen ins Leere
Kaum war die Nachricht in den Medien, lief die politische Phrasendreschmaschine an:
- Von rechts ertönt gebetsmühlenartig der Ruf nach „Remigration“ und Abschiebungen. Eine Forderung, die in der Realität schon an den Fakten scheitert: Der Täter war in Berlin geboren und besitzt die deutsche Staatsbürgerschaft. Punkt. Wohin soll man jemanden „remigrieren“, der hier aufgewachsen ist? Es ist eine Scheinlösung, die stur ignoriert, dass der überwiegende Großteil der Migranten und Musliminnen in Deutschland vollkommen friedlich lebt und solche Taten genauso verurteilt.
- Von links kommt der gewohnte Reflex: „Ursachen bekämpfen und Prävention ausbauen.“ Das klingt im Grundsatz richtig und human, ist aber im aktuellen System oft nicht mehr als Wohlfühl-Rhetorik. Denn die entscheidende Frage wird selten gestellt: Wo, wie und vor allem womit?
Das Präventions-Dilemma: Wenn die Kassen leer sind
„Prävention“ ist schnell gefordert, aber wie sieht die Realität an den Schulen, in den Jugendzentren und in den Kommunen aus? In fast allen Städten wird bei der Sozial- und Jugendarbeit der Rotstift angesetzt. Selbst wenn Geld da wäre, fehlt es an allen Ecken an Lehrkräften, Sozialarbeitern und Pädagogen. Diejenigen, die noch da sind, laufen seit Jahren am Limit.
Der Blick ins Innere: Warum wird ein Mensch zum Täter?
Ich persönlich glaube: Kein vernünftig denkender Mensch, der in seinem Leben ein Mindestmaß an Empathie, Halt und Nächstenliebe erfahren hat, fügt einem anderen Menschen grundlos schweren Schaden zu. Jeder Attentäter, jeder Mörder, jeder gewalttätige Schläger trägt auf die eine oder andere Weise eine psychische Verletzung oder Störung in sich.
Die Frage ist also: Warum tun sie es dennoch?
Die Wurzel liegt oft in einer schwierigen, von Vernachlässigung geprägten Kindheit. Wenn das Fundament an Werten und Mitgefühl fehlt, entsteht ein Vakuum. Und genau dieses Vakuum wird heute über Algorithmen, TikTok-Videos und Netz-Hetzer im Eiltempo mit Hass gefüllt. Während der Staat bei der Schulsozialarbeit spart, überlassen wir unsere Kinder im Netz radikalen Ideologen.
Echte Lösungen: Der säkulare Staat und die eigene Verantwortung
Wenn die Parolen von rechts und links nicht greifen – was hilft dann wirklich? Es braucht zwei fundamentale Pfeiler:
1. Der konsequent säkulare Staat
Ich sage das als gläubiger Katholik: Der Glaube ist reine Privatsache – und zwar für alle! Religion darf in einem modernen Rechtsstaat niemals als Entschuldigung für Hass, Diskriminierung oder Gewalt herhalten. Egal ob christlich, muslimisch oder anderweitig motiviert: Sobald religiöse Vorstellungen die Freiheit anderer beschneiden wollen, muss der Staat eine glasklare Kante zeigen. Ein starker, säkularer Staat schützt die Religionsfreiheit im Privaten, fordert aber im öffentlichen Raum das absolut kompromisslose Bekenntnis zu unseren Grundrechten ein.
2. Wir sind der Staat – Zivilcourage statt Wegschauen
Wenn wir nach einem „starken Staat“ rufen, vergessen wir oft eines: Wir alle sind dieser Staat. Es sind unsere Nachbarn, unsere Freunde, unsere Verwandten, die auf dem CSD oder auf der Straße frei und ohne Angst leben und sich ausdrücken wollen. Wenn uns etwas an dieser Gesellschaft liegt, dürfen wir die Verantwortung nicht einfach an die Politik abwälzen.
Echter Schutz für die Toleranz beginnt im Alltag:
- Demokratie wahrnehmen: Die erschreckend hohe Zahl an Nichtwählern ist ein Freifahrtschein für Ränder und Extremisten. Wählen gehen ist das absolute Minimum an gesellschaftlicher Verantwortung.
- Haltung zeigen: Wir müssen uns aktiv in die Gesellschaft einbringen und Zivilcourage beweisen.
- Nicht wegschauen: Wenn Unrecht geschieht, wenn Hetze verbreitet wird oder Menschen bedroht werden – im Netz wie auf der Straße –, dürfen wir nicht schweigend vorbeigehen.
Fazit
Solange wir Radikalisierung nur als politisches Wechselgeld für den nächsten Wahlkampf nutzen, wird sich nichts ändern. Toleranz ist kein wehrloser Zustand und kein rein staatliches Verwaltungsprojekt. Sie muss beschützt werden — nicht mit leeren Parolen, sondern mit echten Ressourcen an den Schulen und einer Zivilgesellschaft, die bereit ist, Verantwortung für das freie Leben ihrer Mitmenschen zu übernehmen.
