Wenn eine Künstlerin wie Ikimel im öffentlich-rechtlichen Morgenmagazin (MOMA) auftritt, ist die Empörung auf der einen und der Jubel auf der meilenweit entfernten anderen Seite vorprogrammiert. Die einen feiern sie als unerschrockene Ikone der sexuellen Selbstbestimmung, die anderen winken schockiert ab. Mir persönlich ist das Spektakel um Ikimel im Prinzip völlig egal. Künstlerin zu sein heißt auch, Provokationsfreiheit zu haben, und Ikimel schockt mit ihren Texten schlicht das vermeintlich prüde Establishment.
Doch die Debatte hat mich zu einer ganz anderen Frage motiviert: Wie wurde Sex in der Musik eigentlich früher verhandelt – und was sagt uns die heutige Form darüber, wie wir mit komplexen Themen umgehen?
Von den Wurzeln des Blues zur Fast-Food-Kultur
Sex im Pop und Rock ist nun wirklich kein neues Thema, aber die Art und Weise, wie er verpackt wird, hat sich verändert.
- Subtilität & Storytelling: „Norwegian Wood“ von den Beatles gilt als einer der ersten Popsongs über einen One-Night-Stand und schlug damals riesige Wellen – durch feine Zwischentöne und Erzählung.
- Die Blues-Wurzeln: Led Zeppelin bedienten sich in ihrem „The Lemon Song“ direkt beim alten Blues. Dort wurde extrem viel über Sex gesungen, aber verpackt in Metaphern, Bildsprache und mit echter Seele.
- Die direkte Ansage: Über Nummern wie „Knocking at Your Back Door“ von Deep Purple bis hin zu „Pony“ von Ginuwine wurde es über die Jahrzehnte immer direkter.
Was mich an der aktuellen Debatte rund um Songs wie „Facesitting“ fasziniert, ist nicht der Schockfaktor, sondern die radikale Simplifizierung. Die vielschichtige Komplexität, die Intimität und der Zauber einer menschlichen Beziehung werden auf wenige, reine Handlungen reduziert. Es ist im Grunde wie eine Tüte Chips oder Fast-Food, ich brauch was Salziges, jetzt : In diesem Falle aber „Ich will jetzt Sex, Punkt. Nicht mehr, nicht weniger.“
Das ist als künstlerische Attitüde völlig legitim – nur wird es eben problematisch, wenn man diese Konsum-Logik als die große „sexuelle Befreiung“ verkauft. Denn Abwertung und plumpe Klischees werden nicht automatisch zum feministischen Vorbild, bloß weil das Mikrofon von einer Frau gehalten wird.
Der Sprung zum Populismus: Das Gleis der einfachen Antworten
Das eigentliche Phänomen beginnt genau da, wo wir dieses Prinzip auf den Rest der Welt übertragen. Denn in der Realität ist das Leben nicht so primitiv gestrickt wie ein Fast-Food-Menü.
Verlassen wir das Feld von Sex und übertragen genau diese Schwarz-Weiß-Denke auf die großen gesellschaftlichen und politischen Fragestellungen unserer Zeit – und schwupps landen wir bei den Populisten.
Populismus funktioniert nach exakt demselben Muster wie Fast-Food-Sex:
- Komplexe Realität entkernen: Nuancen, Ursachen und Grautöne werden komplett über Bord geworfen.
- Plakative Formeln verkaufen: Auf hochkomplexe, vielschichtige Probleme wird die eine, vermeintlich einfache Antwort gedrückt.
Ob in der Musik oder in der Politik: Die Weigerung, Komplexität auszuhalten, führt immer zum gleichen Ergebnis. Man bekommt zwar schnelle Befriedigung und ein klares Feindbild, verpasst aber das, worauf es eigentlich ankommt – die Tiefe, das Verständnis und das echte Miteinander.
