Vor den Wahlen in Sachsen-Anhalt beherrscht wieder das gewohnte Drama die Schlagzeilen: Der AfD-Kandidat wird wegen eines zweifelhaften Abschlusses einer Fernuniversität bezichtigt. Es ist das immer gleiche Skript einer erstarrten Debattenkultur. Vor gar nicht langer Zeit erlebten wir exakt dieselbe Erregungswelle bei geschönten Lebensläufen der Grünen in England oder umstrittenen Doktorwürden der CDU in Thüringen. Aus einem bürokratischen Makel wird binnen Stunden eine systemische Moraldebatte inszeniert – und das Gespenst vom Untergang der Demokratie durch die Medien gejagt.
Diese Dauererregung offenbart die fundamentale Mechanik der Politik: Sie ist in weiten Teilen ein durchdachtes Schauspiel im ununterbrochenen Buhlen um Wählerstimmen. Vom straff durchchoreografierten Framing der Reden über die feinsinnige Wahl der Parteifarben bis hin zu inszenierten Event-Auftritten – fast alles folgt den Gesetzen der Public Relations. Das primäre Ziel lautet: Zustimmung sichern.
Dabei gerät ein wichtiger Punkt leicht in Vergessenheit: Wir, die Bürgerinnen und Bürger, sind der Staat. Wir sind der Souverän. Unsere Aufgabe im demokratischen Prozess ist es, die Parteien zu wählen, die unseren Überzeugungen am nächsten kommen. Gleichzeitig gehört zur politischen Reife die Einsicht, dass eine Wahl am Ende fast immer in Kompromissen mündet – und das ist in einer pluralistischen Gesellschaft womöglich auch gut so.
Genau in dieses System der kalkulierten Inszenierung platzt die radikale Absage des Künstlers Jonathan Meese: Künstler dürfen sich nie mit der Politik gemein machen.
Wer Meese zunächst als Provokateur abtut, übersieht den Kern seiner Forderung. Die Kunst steht – oder sollte zumindest – in absoluter Freiheit da stehen. Während der politische Betrieb im Zwang des Gefallen-Wollens gefangen ist und PR-Strategien unterworfen bleibt, verdankt die Kunst niemandem Rechenschaft. Sie muss keine Fünf-Prozent-Hürde überspringen und keine Wählergruppe besänftigen. Sobald Kunst anfängt, auf gesellschaftliche Zustimmung zu schielen, verkommt sie zur bloßen Gesinnungs-PR.
Es kommt ein weiteres Problem hinzu: Politische Gewissheiten altern extrem schnell. Was gestern noch als fortschrittlich und politisch „richtig“ galt, ist heute oft schon verwerflich. Wer sein künstlerisches Schaffen an das Verfallsdatum von Ideologien, Parteiprogrammen und zeitgeistigen Moralvorstellungen kettet, macht sich zum Knecht einer Unbeständigkeit, die dem Wesen der Kunst widerspricht.
Wir erleben heute eine tiefgreifende Sättigung mit einer Kunst, die sich fast nur noch darüber definiert, „gegen irgendetwas“ zu sein. Dieser ständige Wohlfeil-Protest ist billig geworden. Er teilt die Welt simpel in Gut und Böse und bedient genau dasselbe Zeigefinger-Muster wie das politische Tagesgeschäft. Wir brauchen nicht noch mehr Gesinnungsästhetik und Erziehungsaufträge im Museum.
Meeses Absage an die Politik ist kein Wegducken vor der Welt, sondern eine überfällige Befreiung vom Zwang zur Dauerhaltung. Die Kunst muss wieder ein raumgreifendes Spiel sein dürfen – zweckfrei, ungezämt und vollkommen unabhängig von den Inszenierungen des politischen Betriebes.
Stay stooged!
