Es gibt diese Bands, die man nicht einfach nur hört. Man trägt sie wie eine Prägung mit sich herum. Für mich waren das schon immer Les Rita Mitsuko. Catherine Ringer und Fred Chichin – eine explosive Mischung aus Punk-Attitüde, Chanson, New Wave und einer völlig furchtlosen, bunten Avantgarde.
Von Pforzheim nach Créteil: Die Faszination für französische Popkultur
Meine Begeisterung für die Band kam nicht aus heiterem Himmel. Wenn man in Pforzheim aufwächst, ist Frankreich nicht einfach nur ein Nachbarland. Es ist in knapp einer Stunde erreichbar – und fühlte sich doch immer wie eine völlig andere Welt an. Schon früh habe ich eine starke Francophilie entwickelt: Diese Welt aus starken Zigaretten, einer schier unfassbaren Auswahl an Käse und Autos, die für mich schon immer wesentlich mehr Charakter und Klasse hatten als ihre deutschen Pendants. Frankreich war für mich nie nur Romantik, sondern eine ganz eigene Mischung: romanische Leichtigkeit gepaart mit einer nordeuropäischen Passion für Industrialisierung und Fortschritt. Das war französische Avantgarde in Reinkultur.
Diese Faszination ging schließlich so weit, dass ich eine Zeit lang selbst dort lebte – mitten im Leben, in Créteil, einem Vorort von Paris. In dieser Zeit hat sich dieses Gefühl endgültig festgesetzt. Und genau in dieses Lebensgefühl passten Les Rita Mitsuko wie kein anderer Sound. Catherine Ringer war auf der Bühne eine absolute Ausnahmeerscheinung: eine urgewaltige Stimme, theatralische Mimik und eine ungezähmte Energie. Sie war kein Popstar nach Schnittmuster. Sie war eine Heldin.
Die Nachricht in der Timeline: Catherine Ringer ist tot
Und dann scrollst du morgens beiläufig durch deine Timeline.
Erst dachte ich an ein Jubiläum. Ein Re-Release, ein altes Konzert-Video aus den 80ern, das wieder hochgespült wurde. Doch je weiter ich wischte, desto dichter wurden die Posts. Schwarz-Weiß-Fotos, Herz-Emojis, Abschiedsworte. In diesem einen Bruchteil einer Sekunde zieht sich der Magen zusammen.
Der Klick auf die Suchleiste war reine Hoffnungslosigkeit – und die Gewissheit traf hart: Catherine Ringer ist im Alter von 68 Jahren gestorben.
Warum dieser Nachruf persönlich ist
Ich bin eigentlich kein Freund von diesen reflexartigen Nachrufen, die das Netz nach dem Tod einer bekannten Persönlichkeit fluten. Meistens wirkt das schnell wie Pflichtprogramm. Aber bei Catherine Ringer ist das anders – da fühle ich mich persönlich betroffen. Wenn eine Band dich durch eine so prägende Lebensphase begleitet hat, vom Grenzgänger in Pforzheim bis zum Alltag in Créteil, dann hängt an dieser Musik ein Stück eigener Identität.
Nachdem Gitarrist Fred Chichin bereits 2007 verstorben war, ist mit Catherines Tod das Kapitel Les Rita Mitsuko nun endgültig geschlossen. Ich kann nur hoffen, dass sie und die Band zumindest posthum endlich die grenzüberschreitende Wertschätzung erhalten, die ihnen gebührt. Sie waren nie angepasst; sie waren schräg, laut, elegant und voller Leben.
